1 Togul

Gestaltende Interpretation Kohlhaas Beispiel Essay

Themen des Deutsch-Abiturs in Baden-Württemberg 2009 waren u.a. "Michael Kohlhaas" (inkl. Vergleich mit "Proceß") und "Die Räuber" (gestaltende Interpretation). Ein ausführlicher inhaltlicher Kommentar zu allen Aufgaben, außerdem eine Prognose für die Abitur(s)themen 2010.

Ein Gastkommentar von Db (JKG Bruchsal), die schon letztes Jahr eine zutreffende Prognose für 2009 gestellt hat. Vielen Dank!

Meine Prognose für das Deutsch-Abitur 2009 war natürlich Anlass zu einer kleinen Wette, doch wir sind uns noch nicht recht einig, wer gewonnen hat ... Wer gleich eine neue Wette auf’s nächste Abitur abschließen will, springt hier zur aktualisierten Prognose für 2010.

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg 2009

Im Folgenden werden die baden-württembergischen Abituraufgaben von 2009 genauer unter die Lupe genommen.
Zur großen Überraschung wurde wieder kein Text-Ausschnitt aus Kafkas „Proceß“ vorgelegt, was aber sicherlich bei vielen Abiturient/inn/en eher Erleichterung auslöste – stellvertretend sei Kommentar #40 zitiert:

Aufgabe I: Vergleich Kohlhaas - Josef K.

Die (vorhergesagte) Vergleichs-Konstellation Kohlhaas - Josef K. in Aufgabe I ging stattdessen von einer sehr gut gewählten Kleist-Textstelle aus. Diese schildert den zweiten Wendepunkt für Kohlhaas’ Handeln (nach Lisbeths Tod jetzt das Plakat Luthers) und bietet sowohl inhaltlich als auch sprachlich-symbolisch ‚griffige’ Ansätze für Analyse und Interpretation.

Da die Materialien auf dem Landes-Lehrerfortbildungs-Server konkrete Anregungen zu dieser Textstelle geben, war sie vermutlich vielen Schüler/inne/n aus dem Unterricht vertraut.

Der Vergleichsaspekt „Selbstbestimmtheit“ bietet genug Möglichkeiten, die beiden Hauptfiguren ausführlich zu beleuchten und gegenüberzustellen. Aber er verlangt auch zunächst eine Begriffsklärung. Wer „selbstbestimmt Handeln“ mit bloßem „selber Handeln“ verwechselte und nicht die Beweggründe für das Handeln hinterfragte, geriet schnell auf falsche Fährten.

Unter Beachtung dieser Voraussetzung war es insgesamt eine recht dankbare Aufgabe I – wenn auch auf höherem Niveau als in den letzten Jahren, als eher offen die Personenkonstellationen (die Liebes-Paare oder das Eltern-Kind-Verhältnis bei „Effi Briest“ und „Kabale und Liebe“) oder die Schuldfrage (bei Karl Moor und Josef K.) verglichen wurden.

Aufgabe II: Gestaltende Interpretation der “Räuber” (nur allg. Gymn.)

In Aufgabe II (nur für allgemeinbildende Gymnasien) sollten wie erwartet “Die Räuber” gestaltend interpretiert werden. Die vorgelegte Textstelle aus IV,3 (Karl bekommt von Daniel Andeutungen und erschließt sich die wahren Geschehnisse) ist, wie die Kohlhaas-Stelle in Aufgabe I, zentral und ‚griffig’. Aber: Sie wird nicht in sich interpretiert, sondern dient nur als Ausgangspunkt für einen Dialog der beiden Brüder. Das war bestimmt schülerfreundlich gedacht - die beiden Hauptfiguren sind mit Sicherheit im Unterricht gründlich behandelt und gegenübergestellt worden und so konnten die Schüler/innen ihr Gelerntes, in direkte Rede verwandelt, ausführlich anbringen. Dennoch empfanden viele Kolleg/inn/en diese Aufgabe als sehr unglücklich gestellt. Sie verbiegt geradezu den Ausgangstext und die Figuren.

Zum einen passt sie nicht zur Textstelle: Karl hat gerade erfahren, dass sein Bruder Ursache allen Übels ist. Er will fliehen, da er fürchtet, bei einem Aufeinandertreffen mit Franz die Kontrolle über sich zu verlieren und zum Brudermörder zu werden. Karl ist also zu aufgewühlt, um mit Franz eine durchdachte, „grundsätzliche Auseinandersetzung über ihr Denken und Handeln“ (so die Aufgabenstellung) zu führen. Nur um Amalia noch einmal zu sehen bleibt er im Schloss. Franz hingegen hat ebenfalls gerade erst entdeckt, dass hinter der Verkleidung des Graf von Brand der verhasste, zugleich aber auch gefürchtete Bruder Karl steckt. Da mit Auftauchen Karls sein Herrschaftsanspruch in sich zusammenfiele und seine skrupellosen Intrigen ans Licht kämen, sieht Franz nur den Ausweg, seinen Bruder zu beseitigen und erteilt dem alten Daniel den Auftrag zum Mord. Auch Franz wäre also zu einem besonnenen Gespräch nicht in der Lage.

Zum anderen hat Schiller aus gutem Grund beide Figuren nicht miteinander reden lassen, da sie vom grundsätzlichen Typus her dazu nicht fähig sind: Karl ist zu emotional und ichbezogen. Wie sollte er jetzt, also nach Jahren, die in der gemeinsamen Kindheit liegenden Gründe für das Handeln seines Bruders verstehen können? Außerdem besteht sein Verhaltensmuster bei Schwierigkeiten im Weglaufen, selbst mit der geliebten Amalia gelingt ihm kein klärendes Gespräch. Franz ist ebenso zu sehr mit sich und seinem Streben nach Macht beschäftigt; er monologisiert, statt mit anderen über seine Schwierigkeiten zu sprechen.
Eine Gestaltende Interpretation unter Beachtung dieser Voraussetzungen stelle ich mir etwa so vor ☺:

Franz: Ha! Du hier, Verfluchter?
Karl:will fliehen
Franz: Da, nimm dies! sticht ihm den Degen in die Brust
Karl:in wilden Zuckungen Bruder, ich… verröchelt
Amalia:eilt herbei Karl? Mein Karl! NEIN!!
zieht den blutigen Degen aus Karl, ersticht damit Franz; geht ab, vermutlich ins Kloster

Ihren Dialog führen Karl und Franz anschließend als “Epilog im Himmel” mit Petrus als Psychotherapeuten…

An diesem abstrusen Lösungsvorschlag zeigt sich eine weitere Schwierigkeit: Wie führt man den Dialog zu einem in sich schlüssigen Ende? Zu Recht fragt ein Schüler in Kommentar #43

Bei dieser Aufgabenstellung ist nicht vorstellbar, dass nach dem Dialog der Hauptfiguren das Drama ‚wie gewohnt’ weiterläuft. So wäre beispielsweise das Ende von Szene IV,5 hinfällig: Karl will hier nach dem Auffinden seines gequälten Vaters den Täter Franz zur Rede stellen und verlangt, dass Schweizer ihn ihm lebend bringe.
Also müsste eigentlich von den Schüler/inne/n ein komplett neues Ende des Dramas erdacht werden – was aber im Rahmen einer Abiturprüfung nicht erwartet werden kann und was bei der Korrektur wohlwollend bedacht werden sollte.

Ganz kritisch betrachtet verlangt Aufgabe II gar keine Gestaltende Interpretation – weder wird der Textausschnitt interpretiert noch auf die im Unterricht erarbeitete Interpretation des gesamten Dramas Rücksicht genommen.

Gestaltendes Interpretieren dient dazu, einen literarischen Text durch eine gestaltende Antwort zu erschließen. Die Textvorlage darf dabei nicht als bloßer Auslöser eines subjektiven oder imitativen Schreibens fungieren. Die Textproduktion muss auf einem überprüfbaren Textverständnis basieren, dazu zählt bei literarischen Texten insbesondere der sprachgeschichtliche und literarhistorische Kontext. Die Aufgabenstellung zielt insbesondere auf Leerstellen, die der Interpret in Bindung an den Text, versehen mit einem Spielraum individueller Akzentuierung und Pointierung, ausgestaltet. Sie muss textkompatibel sein, d.h., sie darf einem allgemeinen Textverständnis nicht zuwiderlaufen.

Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Deutsch; Beschluss der Kultusministerkonferenz i.d.F. vom 24.05.2002 (PDF)

Gemessen an dieser ‚amtlichen’ Definition wird stattdessen lediglich ein Schreibanlass („bloßer Auslöser“, s.o.) geboten, der vom Drama nur wegführen kann. Der Dialog der Brüder ist aus weiter oben beschriebenen Gründen keine „Leerstelle“, ich denke, Schiller hat ihn bewusst weggelassen.

Es ist sehr schade, dass der an sich ergiebige Aufgabentyp Gestaltende Interpretation, der eine sinnvolle Alternative für eher sprachlich als analytisch begabte Schüler/innen bietet, durch solche nicht zu Ende gedachten Aufgabenstellungen in ein schlechtes Licht gerät.

Aufgabe IV: Liebeslyrik

Das vierte ‚Sternchenthema’ für Aufgabe IV heißt „Deutsche Liebeslyrik vom Barock bis zur Gegenwart“ und wurde zum ersten Mal in diesem Abitur geprüft.

Der ‚Untertitel’ legt einen Vergleich von zwei Gedichten aus verschiedenen Epochen nahe – aber auf die beiden Jahrhundertwenden 19./20. und 20./21. Jahrhundert wäre man wohl als Letztes gekommen. Kommentar #76 bemerkt treffend: „hätt nich gedacht, dass sie gleich im 1. Jahr Liebeslyrik so “blöde” Gedichte nehmen…“

Dagmar Nick, die Autorin des Gegenwarts-Gedichtes, dürfte nur wenigen bekannt gewesen sein, ebenso für ihr Schaffen relevante Ereignisse aus den 1990ern, so dass die reichen Metaphern eigentlich nur hermeneutisch gedeutet werden konnten. Leider erwies sich so das im Unterricht erarbeitete Wissen zu Epochen und ihren typischen Merkmalen, Autoren und Jahreszahlen als praktisch nutzlos.
Zum Textvergleich springen außer der eher rätselhaft-symbolischen Sprache beider Gedichte kaum inhaltliche Gemeinsamkeiten ins Auge, also legten vermutlich viele, die sonst gern Gedichte interpretieren, schnell die diesjährige Aufgabe IV als ‚zu schwer’ beiseite.

Die Erörterungen: Aufgabe III: Literarische Erörterung und Aufgabe V: Texterörterung

Die Literarische Erörterung, Aufgabe III, bot ein ungewöhnlich langes Zitat als ‚Aufhänger’, in dem recht klar und differenziert ein „Verständnis von Literatur“ dargestellt wurde. Mit diesem sollten sich die Schüler/innen auseinander setzen „anhand (i)hrer Leseerfahrungen“ (also privater wie schulischer Art) – so sie welche haben…

Entsprechend verweise ich auf meinen Appell am Ende des Kommentars zum Abitur 2008 (Baden-Württemberg): „Lest mehr - und wenn nicht gern die Klassiker, dann zumindest Tageszeitungen (ob gedruckt oder online)“ und erweitere ihn um „… und Literatur, die Euch zu Einfühlungsvermögen hilft.“

Auch bei der Wahl von Aufgabe V, Texterörterung half Lesen ... Hoffentlich haben alle die Anmerkung zur Bewertung genau studiert: In diesem Jahr zählt die Analyse des Sachtextes, also die erste Teilaufgabe, mehr als dessen Erörterung.

Der Text zum „Verlust der Zeit“ aus der Süddeutschen Zeitung (! ☺) ist für Schüler/innen sicher thematisch ansprechend, sprachlich gut gestaltet und plausibel zu strukturieren. Da er jedoch in sich schlüssig wirkt und wenig ‚Reibungsfläche’ bietet, fiel eine ausgewogene Erörterung, ob adressatenbezogen (hier verlangt: Leserbrief) oder frei (hier auf eine ausgewählte These bezogen)  sicherlich nicht leicht. Insofern kann man die Festlegung des Beurteilungsschwerpunktes auf die analytische Teilaufgabe als schülerfreundlich und fair ansehen.


 

Prognose für Abitur-Themen 2010 (aktualisiert)

In 2010 sind „Die Räuber“ in Baden-Württemberg zum letzten Mal ‚Sternchenthema’, ab 2011 werden sie durch „Der Besuch der alten Dame“ ersetzt, siehe Lehrerfreund: Neue Abitursthemen/-aufgabentypen in Baden-Württemberg ab 2011/2013.

Diesmal ist Schillers Drama auch für die Beruflichen Gymnasien relevant – in 2009 musste hier ersatzweise auf „Kabale und Liebe“ umgeschwenkt werden, da die diesjährigen Abiturienten zu „Die Räuber“ schon in ihrem Realschul-Abschluss geprüft wurden.

Also könnte Schillers Werk durchaus in der für beide Gymnasien geltenden Vergleichs-Aufgabe vertreten sein. Hier stand der Hauptfigur Karl von Moor bereits Josef K. aus dem „Proceß“ gegenüber (Abitur 2008). Ich bleibe also im Prinzip bei meiner Prognose für Aufgabe I: Vergleich „Die Räuber“ – „Kohlhaas“ (Textausschnitt aus „Die Räuber“) und Aufgabe II: Gestaltende Interpretation des „Proceß“.

Letzteres ‚geht zwar eigentlich nicht’, aber nachdem schon von den Schüler/inne/n ein Dialog der Gebrüder Moor verlangt wurde, schaffen sie es doch locker, Josef K.s Eingabe zu verfassen (die Kafka ausließ ...). Im Ernst: Sinnvolle Kreativ-Ideen zu Kafka könnten z.B. ein Briefwechsel mit dem Onkel oder ein Besuch bei einem fiktiven neuen Anwalt sein, dem Josef K. seinen Fall schildert.

Als alternative Prognose denkbar, wenn auch in meinen Augen nicht ganz so ergiebig, ist eine Vergleichsaufgabe zu Josef K. und Franz von Moor. So könnten beispielsweise Gründe für ihre Isolation und ihr Umgang mit den Mitmenschen, u.a. den Frauen, beleuchtet werden. Bei dieser Vergleichs-Konstellation würde dann „Michael Kohlhaas“ gestaltend interpretiert, wozu sicherlich einige anregende Aufgabenstellungen vorstellbar sind. Der Textausschnitt in Aufgabe I sollte dabei aus dem „Proceß“ stammen, sonst wäre diese Variante B dem Abitur 2008 zu ähnlich. Dass der Vergleich von Nebenfiguren (z.B. Amalia, Leni oder Wenzel von Tronka) ausgeht, halte ich für eher unwahrscheinlich.

Zusammenfassung der Prognosen für das Deutsch-Abitur 2010:

Variante A
Aufgabe I: Analyse „Die Räuber“ – Vergleich mit „Michael Kohlhaas“
Aufgabe II: Gestaltende Interpretation von „Der Proceß“

Variante B
Aufgabe I: Analyse „Der Proceß“ – Vergleich mit „Die Räuber“
Aufgabe II: Gestaltende Interpretation von „Michael Kohlhaas“

Alle Angaben wie immer ohne Gewähr ☺ - und in jedem Falle viel Erfolg!

Ein Gastkommentar von Db (JKG Bruchsal), die schon letztes Jahr eine zutreffende Prognose für 2009 gestellt hat. Vielen Dank!




neuerer Beitrag — Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar… — älterer Beitrag

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Eine ausführliche Analyse der Abitur-Aufgaben Deutsch von 2011 und - wie jedes Jahr - die Prognose: Welche Aufgaben könnten beim Zentralabitur 2012 in Baden-Württemberg im Fach Deutsch drankommen?

Prognose für die Abituraufgaben 2013 + Analyse des Deutschabiturs 2012 hier: Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu den Aufgaben 2011, Prognose für 2012

Es ist fast schon zur Tradition geworden: Die Deutschlehrerin Db (JKG Bruchsal) wagt alljährlich vor dem Abitur den Blick in die Glaskugel und weissagt, welche Aufgaben bzw. Pflichtlektüren im Deutschabitur zu bearbeiten sein werden. Wir danken für den Service (bei einer professionellen Hellseherin zahlen Sie bis zu 200 Euro die Stunde)!

Hier also die Prognose für das Deutschabitur 2012 und eine ausführliche Analyse der letztjährigen Aufgaben.

Nach der missglückten Prognose für das Abitur 2011 gab es mitfühlende Worte von Betroffenen in den Kommentaren:

Hey, da lag ja der Tipp dieses Jahr total daneben. Macht aber nichts.

Kommentar #14 von bodensee am 15.03.2011

Danke... Diesmal wirklich sehr großes Erstaunen - zum dritten Mal hintereinander praktisch die gleiche Werkverteilung in Aufgabe I und II. Der Beginn des Kommentars zum vorletzten Abitur gilt also mit kleinen Variationen auch für das letztjährige Abitur:

Großes Erstaunen allerseits: In den ersten beiden Aufgaben gab es genau die gleiche Konstellation wie im Abitur 2009 nur, dass dieses Mal [, so dass in 2010 und in 2011] in Aufgabe I ein Kafka-Ausschnitt analysiert wurde und Kleist lediglich im Vergleich zum Zuge kam. Wieder war Schiller [das Drama, jetzt „Der Besuch der alten Dame“] gestaltend zu interpretieren (...). Mit dieser Wiederholung [der Wiederholung] hat, glaube ich, wirklich niemand gerechnet.

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu Aufgaben 2010; Prognose für 2011

Caroline meinte dazu:

Tja, die Prognosen waren für die Katz’. Letztlich darf man sich doch nicht auf Spekulationen verlassen und muss eben doch ALLES lernen.

Kommentar #18 von Caroline am 15.03.2011

Stimmt. Ich hatte nie anderes behauptet ☺ Und dennoch ist ein Befragen der Kristallkugel alle Jahre wieder spannend: Springen Sie direkt nach unten zur Prognose für das Deutsch-Abitur 2012.

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg 2011

Im Folgenden werden die baden-württembergischen Abituraufgaben von 2011 genauer unter die Lupe genommen.

Aufgabe I: Vergleich Josef K. - Michael Kohlhaas

Zum zweiten Mal hintereinander stand ein Ausschnitt aus Kafkas „Der Proceß“ zur Wahl. Die Textstelle aus dem Kapitel „Avokat / Fabrikant / Maler“ gibt dabei den echten Beginn des Gesprächs über den Prozess und die Schuldfrage wieder, nachdem sich K. anfangs mit dem Maler nur über Bilder unterhielt.

In der ersten Teilaufgabe sollten K.s Beweggründe für den Besuch beim Maler dargelegt werden. Damit war also kein simples Einordnen in nacherzählte Romanchronologie verlangt, sondern eher übergreifendes, gezieltes Begründen.
Zur erzählerischen und sprachlichen Betrachtung (zweite Teilaufgabe) bot die Textstelle sehr viele Details sowie einige Symbolik (Luft, Bett) und inhaltliche Tiefe. Einige Kommentatoren fanden dies fast zu dicht:

Ich fand die Szene eigentlich ganz gut gewählt. Ok, es war nicht unbedingt eine zentrale Szene im Roman, aber man konnte schon genügend interpretieren… ich musste sogar einiges weglassen, sonst hätte ich zum Vergleich zu wenig Zeit gehabt.

Kommentar #46 von Reallusionist am 16.03.2011

Oder:

ohh ohh (...) auch ich habe thema 1 genommen, tat mir aber wirklich schon bei der hinführung schwer und musste auch total aufpassen, dass ihc mich nicht bei aufgabe 2 total verzettel!!
man konnte ja beinahe auf jedes wort bezug nehmen und mit vorigen textstellen vergleichen!!

Kommentar #41 von blub am 15.03.2011

Gegen Ende der Stelle steht die Schuldfrage im Vordergrund. K.s wiederholte Beteuerung „Ich bin vollständig unschuldig“ kontrastiert er kurz darauf mit seiner fatalistischen Erwartung an das Gericht: „Zum Schluss aber zieht es von irgendwoher (...) eine große Schuld hervor.“

Der Vergleich (dritte Teilaufgabe) ging jedoch darauf nicht ein, sondern knüpfte allgemein an die Figur des Malers in seiner Funktion als Helfer für Josef K. an. So sollte die „Bedeutung von Helferfiguren Ihrer Wahl für Josef K. und Michael Kohlhaas“ untersucht werden - ein eher unerwarteter Vergleichsaspekt, der zum ersten Mal die Nebenfiguren in den Fokus rückte.

Der Zusatz „Ihrer Wahl“ war sicher schülerfreundlich gedacht, bereitete aber vermutlich bei der Korrektur Kopfzerbrechen: Wie vergleichbar sind Arbeiten, die nur ein paar wenige Helferfiguren, diese dafür aber tiefgehend darstellen, mit solchen, die viele verschiedene einbeziehen, diese aber zwangsläufig nur oberflächlich untersuchen können? Und auch schon während der ,Wahl‘ überkam vermutlich viele Schüler_innen das unsichere Gefühl, ob sie sich wohl für die ,richtigen‘ Figuren entschieden hatten. Mit fundierter Textkenntnis sollte jedoch jede_r genug Vergleichspunkte gefunden haben.

Es ist schon schrecklich, wenn einem im Nachhinein noch so viele Dinge einfallen, die man noch hätte bringen können :(

Kommentar #52 von Sandy am 18.03.2011

Aufgabe II: Gestaltende Interpretation von „Der Besuch der alten Dame” (nur allgemein bildendes Gymnasium)

Das Drama als neues Sternchenthema kam nicht, wie erwartet, in der ,klassischen‘, sondern in der gestaltenden Interpretation zum Zuge - keine schlechte Wahl, da sich hier ebenfalls einige Leerstellen zur kreativen Füllung anbieten, z.B. ein Innerer Monolog der Hauptfigur etwa während seiner Dachboden-Einsamkeit.

Die zugrunde liegende Textstelle spielt im dritten Akt. Dargestellt werden sollte zunächst die „Situation, in der sich Ill hier befindet“.

Alfred Ill hat bereits seine Läuterung durchlebt und innerlich seine Schuld verarbeitet. In seinem modernisierten Laden macht er seine Familienmitglieder auf ihren gesteigerten Lebensstandard aufmerksam. Sie reagieren abwiegelnd und verlegen, da sie genau wissen, dass ihr Konsum auf Pump hinauslaufen wird auf den Tod des Vaters. Seine Frau stellt Ill gar als „hysterisch“ dar und behauptet „Klärchen geht nicht aufs Ganze“. Innerlich hat sich die Familie also bereits von ihm verabschiedet. So ist es nur folgerichtig, dass Ill im weiteren Verlauf der Handlung die hier von ihm vorgeschlagene Autofahrt als letzte gemeinsame Unternehmung vorzeitig verlässt und in der Herbstsonne im Konradsweilerwald allein sein will. Nur kurze Zeit später trifft Claire dort ein und auch von ihr verabschiedet sich Ill endgültig.

Diese Lücke des Alleinseins „zwischen zwei Abschieden“ sollte gestaltend interpretiert werden mit der Annahme, dass Alfred Ill einen Abschiedsbrief an seine Familie schreibt.

Treffender Kommentar von Dr. Klaus Dautel:

Wer denkt schon (...) an so etwas Abseitiges wie einen seitenlangen Abschiedsbrief, geschrieben auf einer Holzbank, unbequem sitzend, zufällig mit Papier und Bleistift ausgestattet (oder mit Laptop), in aller Eile zwischen zwei Abschieden ... Da ist alles und nichts möglich; wenn's denn sein muss auch eine ausschweifend reflektierende Lebensrückschau - das Abitur ist halt nicht das richtige Leben.

kdautel am 16.02.2011 im ZUM-Unity-Forum Deutsch Abitur '11 Baden-Württemberg

Zum Glück, denn es hatte schon etwas Makabres, dass knapp volljährige Jugendliche, die kurz vor dem Start ins „richtige Leben“ stehen, sich fünfeinhalb Stunden lang in die Gedanken eines Todgeweihten versetzen und dessen letzten Worte an seine Familie aufs Papier bringen sollten.

Aber auch ,klassisches‘ Interpretieren ist nicht „das richtige Leben“, ich behaupte, dass kaum eine_r mit Abiturzeugnis in der Tasche je wieder einen Interpretationsaufsatz schreiben wird. Es geht im Interpretieren um eine durchdachte Auseinandersetzung mit einem literarischen Text - und das Gestaltenden Interpretieren bietet zusätzlich einen anderen, kreativen Ansatz, das eigene Textverständnis darzulegen.

Insofern war diese Aufgabe gar nicht so abwegig, sie ließ genug Freiraum für kreatives Formulieren, bot aber auch viele Möglichkeiten, im Unterricht Erarbeitetes (Ills Entwicklung, Haltung der Güllener) einzubringen.

Aufgabe IV: Liebeslyrik

Thematische Gemeinsamkeit der zu vergleichenden Gedichte war der Umgang des lyrischen Ichs mit dem Ende einer Liebe, symbolische Gemeinsamkeit der Wind als Vermittler zwischen den Entliebten. Ein Gedicht von Else Lasker-Schüler (erschienen 1902) stand einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger (erschienen 1960) gegenüber. An sich eine dankbare Auswahl, thematisch ansprechend und sprachlich-symbolisch vielfältig interpretierbar.

Dennoch sei angemerkt: Das vierte ‚Sternchenthema’ für Aufgabe IV heißt „Deutsche Liebeslyrik vom Barock bis zur Gegenwart“. Und dafür war die Epochenbandbreite der Auswahl bisher sehr gering, sie bewegte sich ausschließlich im 20. Jahrhundert (2009: Hesse, 1921 und Nick, 1996 sowie 2010: Rilke, 1906 und Braun, 1974).

Ich zitiere aus meinem Kommentar zum Abitur 2009:

Die Erörterungen: Aufgabe III: Literarische Erörterung und Aufgabe V: Texterörterung

Die literarische Erörterung stellte mit einem Zitat aus dem französischen Klassiker „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ das Literaturverständnis von Marcel Proust zur Diskussion. Eine recht anspruchsvolle und eher philosophische Aufgabe (Literatur als Werkzeug und Hilfe zur Selbsterkenntnis), aber, da offen gestellt („Erörtern Sie, inwieweit Sie (...) zustimmen können“), für Erörterungs-Liebhaber sicher ansprechend.

Das Thema „Flatrate-Mentalität“ der textgebundenen Erörterung klang auf den ersten Blick moderner und schülernäher, die Textgrundlage bildete ein Aufsatz von Richard Kämmerling.

Dieser nahm Flatrate-Saufen zwar als Einstiegsbeispiel, weitete den Blick jedoch aus und betrachtete kritisch den gewandelten Freiheits-Begriff in der (Konsum-)Gesellschaft, dass alles und jeder jederzeit verfügbar sein müsse. Leider ließen sich vermutlich einige von den lebensnahen Beispielen verführen, diese zu erörtern (Pro und Contra Flatrate-Saufen...) statt Kämmerlings übergreifende gesellschaftskritische Sichtweise ausreichend zu prüfen.

Die adressatenbezogene Teilaufgabe verlangte wie im Vorjahr das Erörtern in Form einer Rede im Rahmen eines Diskussionsabends für Jugendliche.

Prognose für die Abitur-Themen 2012 (allgemein bildendes Gymnasium, Deutsch, Baden-Württemberg)

Erneut mache ich darauf aufmerksam, dass sich der Vergleich in Aufgabe I auf „alle drei der genannten Pflichtlektüren“ ausdehnen „kann“ (sic !)  (vgl dazu das Schreiben des RP Freiburg vom 08.12.2010: Schriftliche Abiturprüfung im Fach Deutsch 2011 (PDF) ) und betone: „Alle Angaben wie immer ohne Gewähr ☺ - und egal was kommt, in jedem Falle viel Erfolg!“

Da sich die Verteilung von 2010 und 2011 wiederholten, werde ich meine Prognose wiederholen (vgl. Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu Aufgaben 2010; Prognose für 2011):

„Kohlhaas“ ist nach wie vor die ergiebigste Grundlage für Gestaltendes Interpretieren. Vor drei Jahren wurde er ,klassisch‘ interpretiert, in den letzten beiden Jahren ohne Textausschnitt nur in der Vergleichsaufgabe bearbeitet. Er wäre also ,dran‘ in Aufgabe II. Aber auch zu „Der Proceß“ ist eine gestaltende Aufgabenstellung möglich, wenn auch von vielen Kolleg_innen als eher unwahrscheinlich angesehen.

Aus „Der Proceß“ wurde in 2010 und in 2011 in Folge ein Textbeispiel zur Analyse angeboten. Da könnte die neue Pflichtlektüre „Der Besuch der alten Dame“ endlich frischen Wind in die ,klassische‘ Interpretationsaufgabe bringen. Überlegungen zu Vergleichsmomenten zwischen Dürrenmatts Drama und den beiden Prosa-Werken finden sich genug, z.B. hier: HöGyWiki: D8/ werkvergleichsthemen

Wenn der Vergleich wieder von den Hauptfiguren ausgeht, sollte man berücksichtigen, dass es in „Der Besuch der alten Dame“ zwei Hauptfiguren gibt. So könnte man Alfred Ill und Josef K. z.B. unter dem Aspekt „Täter-Opfer“ gegenüberstellen, aber auch Claire Zachanassian ist sowohl Täter als auch Opfer. In einer anderen Konstellation könnte sie z.B. in ihrem Verständnis von Gerechtigkeit Michael Kohlhaas gegenüber gestellt werden.

Zusammenfassung der Prognose für das Deutsch-Abitur 2012:

Aufgabe I: Analyse „Der Besuch der alten Dame“ – Vergleich mit „Der Proceß“ (eventuell auch mit dem dritten Werk „Michael Kohlhaas“)
Aufgabe II: Gestaltende Interpretation von „Michael Kohlhaas“

„Wer immer strebend sich bemüht...“ Vielleicht trifft‘s ja in diesem Jahr ☺, toitoitoi!




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